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Neujahrs-Gongyo 2019

Wie sieht eigentlich das Neujahr bei der in Japan am meisten verbreiteten Religion, dem Buddhismus, aus?

Überraschend habe ich an Silvester von meiner Stiefmutter eine Einladung zu einem Neujahrs-Gongyo, einer Art „Gottesdienst von Buddhisten“, zum Neuen Jahr bekommen. Neugierig bin ich also am Sonntag, dem 6.1. nach Oberhausen gefahren um diesem Event, vom Soka Gakkai International-Deutschland (SGI-D), beizuwohnen. Es waren bestimmt 50 Leute anwesend. Normalerweise treffen sich kleinere Gruppen aus der Umgebung und beten gemeinsam das Daimoku. Diese Veranstaltung war also nicht der Normalfall der regelmäßigen Treffen.

Nichiren-Buddhismus

Es gibt verschiedene Arten von Buddhismus, nicht nur den, bei dem Buddha angebetet wird. Der Nichiren-Buddhismus ist die Glaubensrichtung dieses Kreises und beschäftigt sich mit der sogenannten „Lehre des Lotus-Sutra“. Das Lotos-Sutra lehrt nicht Buddha als gottähnliches Wesen zu sehen, sondern dass das „Buddha-Bewusstsein“ in jedem Menschen der Erde angelegt ist. Jeder Mensch ist also laut dieser Lehre verehrungswürdig. Es gibt kaum ein Verbot im Nichiren-Buddhismus, aber was besonders schwer wiegt, ist die Diskriminierung, denn sie wird dort nicht geduldet.
Sobald man dem Glauben des Nichiren-Buddhismus beitritt, bekommt man bei einer Versammlung feierlich das „Gohonzon“ überreicht, eine Schriftrolle mit der auf Japanisch geschriebenen „Lehre des Lotus-Sutra“, welches als Spiegel der eigenen Seele gilt, zu der man das Daimoku betet.

Daimoku

Damit hat die Versammlung angefangen. Ein älterer Japaner, Yoshi, ein Priester in Jeans und Hemd, kam nach vorne ans Mikrophon und sollte mit den Mitgliedern beten. Ich kannte ja das „Vater Unser“ aus der Kirche und dachte, dies hier sei ähnlich.
Auch wenn ich das Gebet der Buddhisten schon aus der Kindheit von meiner Stiefmutter kenne (ich durfte den Gong schlagen und Räucherstäbchen anzünden), war ich trotzdem nicht ganz darauf vorbereitet…
Yoshi fing das Chanten an und die gewaltige Kraft von 40-50 weiteren Stimmen um mich herum setzte nach kurzer Zeit ein. Das Daimoku muss man wissen, hört sich weniger nach einem Gebet, als vielmehr nach einem Rap an. Es wird sehr schnell und mit dem Rhythmus eines galoppierenden Pferdes vorgetragen. Auf japanisch. Und in diesem Fall ganze 20 Minuten lang.

Das Nam Myoho Renge Kyo ist die Lehrrede der meisten buddhistischen Schulen. Die häufige Wiederholung soll das eigene Wesen in eine bestimmte Resonanz bringen und dadurch die einem innewohnende Buddha-Natur aktivieren, die sich in Form von Vitalität, Mitgefühl, Mut und Weisheit in unserem Leben zeigen soll. Mir wurde diese Rede so erklärt:

„NAM“ – glauben, vertrauen

„MYOHO“ – heißt hier: Mystisches Gesetz

„RENGE“ – Lotusblume; steht für die Wirkungsweise von Myoho (für das komplexe Zusammenspiel von Ursache und Wirkung)

„KYO“ – Stimme oder Lehre (des Buddha)

(es bedeutet in etwa) „Ich vertraue dem mystischen Gesetz der Lehre der Lotusblume“

Studium

Die Lehre des Buddha, das Lotus-Sutra, wird hier als Ausbildung angesehen, in der man sich immer weiterbildet. Yoshi erklärte in einer Art Predigt, dass das Jahr 2019 das „Jahr des Sieges von Soka“ sei. Er beschrieb, wie Soka sich nur darauf verließ, dass die Götter ihn für sein vieles Chanten belohnten, als Gegenleistung für seinen starken Glauben. Doch als die Götter nichts taten, nahm er selbst sein Schicksal in die Hand. Er chantete zwar weiter, aber nicht für die Götter, sondern für sich selbst, damit er sich die Kraft der Götter aneignete und damit alles, was er erreichte, von ihm kam – nicht durch die Gutmütigkeit irgendeines Gottes.

„Das Jahr des Sieges“ beschrieb Yoshi nicht damit, dass jemand gewinnt – denn wenn Einer gewinnt, dann verliert ein Anderer – sondern er sieht dieses Jahr als das Jahr, in dem wir unseren inneren Schweinehund besiegen. Wer kennt ihn nicht? Den inneren Schweinehund, die Faulheit, Eifersucht oder sonstiges. Er hat außerdem festgestellt, dass es diesen nur in Deutschland gibt. In keiner Sprache, die er kennt (weder englisch noch japanisch), gebe es eine gleichwertige Übersetzung.

Erfahrung

Dieser Teil der Veranstaltung stand den Mitgliedern offen. Jeder konnte sich kurz vorher melden und seine eigenen Erfahrungen vor der versammelten Mannschaft erzählen und sein Leid und seine Freude teilen. Ich hätte nicht gedacht, dass sich jemand nach vorne stellen und erzählen würde, doch ich wurde überrascht: Gleich vier Leute trugen nacheinander ihre schrecklichen und weniger schlimmen Erfahrungen vor und wie ihnen der Glaube an den Buddhismus neue Stärke verlieh.
Von einem zurückhaltenden Mann, der durch neu erlangtes Selbstbewusstsein nun endlich von seinen Arbeitskollegen akzeptiert wurde, über eine junge, schwangere Brasilianerin, die alles verlor und nur durch ihre Zuversicht und ihren Ehrgeiz jetzt ein glückliches Leben mit einer jungen Familie führen kann, bis hin zu einer talentierten Asiatin, die viele Jahre von einer Person ausgebeutet wurde, ihre Mutter verloren hat und an einem Selbstmordversuch gescheitert war, nun aber wieder glücklich in ihrem Leben und in ihrem Job ist. Es war alles dabei. Keine Augen sind bei diesen ergreifenden Geschichten trocken geblieben, ich musste mehr als einmal weinen…

Entschluss

Auch dieser Teil wurde nur durch die Mitglieder gestaltet, die nach vorne gehen und ihre Entschlüsse für das kommende Jahr mitteilen konnten. Auch hier war viel Verschiedenes dabei. Selbst ich war kurz davor aufzustehen und allen Anwesenden meinen Entschluss mitzuteilen, einem Freund beim Austreiben seines inneren Schweinehunds zu helfen, denn kurz vorher sagte er zu mir: „Ich würde gerne nach vorne gehen und sagen, dass ich meinen Schweinehund, die Faulheit, besiege… Aber ich bin zu faul aufzustehen…“

Fazit

Diese Veranstaltung war definitiv die Erfahrung Wert! Und nicht nur, weil es danach noch einen kulturellen Teil mit Live-Musik und leckerem kostenlosen Buffet gab.

Es war faszinierend, wie viele verschiedene Menschen vor Ort waren, aus den verschiedensten Ländern und Gesellschaftsschichten und Berufen: Schauspieler, Au-Pairs, ein Fernsehmoderator einer Kaufsendung, eine Krankenschwester, eine ehemalige Kindergartenleiterin, politisch Tätige und vieles mehr.

Mittendrin Ich, als Nicht-Buddhistin… Aber das spielte keine Rolle. Ganz nach den Prinzipien des Nichiren-Buddhismus wurde jeder akzeptiert, der da war.

Am meisten jedoch hat mich die Freundlichkeit, gute Laune, Offenherzigkeit und Positivität der Anderen beeindruckt. So viele so gut gelaunte Menschen habe ich lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen wie dort.

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